77. Tagung

Prof. Dr.-Ing. Hans Bäumler, Franz Tischler Vorsitzender Richter am OLG München und Dipl.-Ing. (FH) Peter Stolle (v.l.)
Die diesjährige Herbsttagung des Münchner Arbeitskreises für Straßenfahrzeuge MAS e.V. fand vom 12. bis 14. Oktober 2018 im Eden Hotel Wolff in München statt. Auf der 77. Fachtagung gab es insgesamt zwölf interessante Vorträge sowie ein Forum mit dem Vorsitzenden Richter am Oberlandesgericht München Herrn Franz Tischler. Vor der Tagung gab es turnusgemäß eine Präsidiumssitzung sowie eine Sitzung des wissenschaftlichen Beirats des MAS e.V. Im Rahmen dieser Sitzungen wurden insbesondere die Themen der nächsten Tagungen geplant, um den Tagungsteilnehmern auch künftig wieder aktuelle und wissenswerte Themen anbieten zu können.

Nachdem der Präsident des MAS e.V. Herr Prof. Dr.-Ing. Hans Bäumler die Tagung eröffnet und einen kurzen Überblick über das Tagungsprogramm gegeben hatte, stellte Herr Dipl.-Ing. Christof Kerkhoff, Geschäftsführer der VDI-Gesellschaft Fahrzeug- und Verkehrstechnik den Verein Deutscher Ingenieure (VDI) mit dessen Bereichen und Leitbildern als führendes Netzwerk, Verantwortungsträger, Zukunftsgestalter und als unabhängige Institution vor. Herr Kerkhoff zeigte zudem den Stellenwert von VDI-Richtlinien und insbesondere deren rechtliche Relevanz als anerkannte Regeln der Technik auf. Zudem gab Herr Kerkhoff einen Überblick über die Entstehung von VDI-Richtlinien und referierte über die Richtlinienarbeit in den verschiedenen Gremien und Ausschüssen.

Im Anschluss daran referierte Herr Prof. Dr.-Ing. Florian Kramer über die neu einzuführende VDI-Richtline MT 5900 „Sachverständige für Kraftfahrwesen und Straßenverkehr“, die Kompetenzen und Anforderungsniveaus darstellt, über welche Sachverständige nach dem Abschluss ihrer Ausbildung verfügen sollen. Herr Kramer zeigte zunächst Gründe für die Notwendigkeit dieser Richtline auf und gab einen Überblick zum aktuellen Stand sowie einen Ausblick zur weiteren Richtlinienarbeit. Außerdem wurde der modulare Aufbau der Richtlinie vorgestellt, der aktuell vier sogenannte „Blätter“ (Blatt 1 „Grundlagen“, Blatt 2 „Schäden und Bewertung“, Blatt 3 „Unfallanalyse“ sowie Blatt 4 „Neue Technologien“) vorsieht und für weitere Gebiete im Sachverständigenwesen, z.B. im Bereich von „Lack“ oder „Motorentechnik“ erweitert werden kann. Der Anwendungsbereich der Richtlinie 5900, die Tätigkeitsbereiche von Sachverständigen und die Anforderungen an Sachverständige werden grundlegend in Blatt 1 dieser Richtline geregelt sein. Das Blatt 1 der Richtlinie ist derzeit als Entwurf im sogenannten Gründruck veröffentlicht. In den Sitzungen des Redaktionskreises wird aktuell das Blatt 3 für die Unfallanalyse zu erarbeitet. Im Anschluss bzw. parallel dazu werden Blatt 2 für Schäden und Bewertung sowie Blatt 4 für neue Technologien entworfen.

Das elektronische Bremssystem der Zukunft „Integrate Brake Control“ präsentierte Herr Dipl.-Ing. Harald Bestmann von der ZF Group. Es handelt sich hierbei um ein Bremssystem, das im Wesentlichen den Vakuum-Bremskraftverstärker durch einen Elektromotor ersetzt und die Bremsverstärkung, die elektronische Stabilitätskontrolle sowie regenerative Systeme in einer einzigen Einheit integriert. Daraus ergeben sich neben einer Gewichtsersparnis und der Senkung des Kraftstoffverbrauchs Vorteile für die Unterstützung von Fahrerassistenzsystemen, den Einsatz in Fahrzeugen mit neuen Antriebstechnologien und kürzere Bremswege durch einen schnelleren Druckaufbau innerhalb von 120 Millisekunden.

Auf der letzten Frühjahrestagung hatte Herr Frank Drescher über die Technik von Fahrrädern mit Elektroantrieb referiert. Auf der 77. Fachtagung informierte nun Herr Rechtanwalt Stephan Miller vom ADAC über die Unterschiede zwischen E-Bikes und Pedelecs sowie deren Mischformen aus rechtlicher Sicht, insbesondere über die Fahrerlaubnispflicht, die Versicherungskennzeichenpflicht, die Radwegbenutzung und den Versicherungsschutz der Privathaftpflichtversicherung bei diesen Fahrrädern. Außerdem wurde im Rahmen des Vortrags auch die rechtliche Thematik von neuen individuellen Mobilitätsformen wie Segway, Hoverboard und Airwheel erläutert.

Herr Anders D. Clausager, MA MDes (RCA) von der Society of Automotive Historian in Britain und der Automobilhistorischen Gesellschaft referierte in seinem Vortrag „History of motor racing and motor sports in a German context“ über 120 Jahre Automobilsport in Deutschland. Der Schwerpunkt des Referats von Herrn Clausager lag in den Anfangsjahren des Automobilsports bis in die sechziger Jahre, ohne die späteren Erfolge der deutschen Automobilhersteller von Audi, BMW, Mercedes-Benz und Porsche verschweigen zu wollen.

Durch den Einsatz neuer Werkstoffe und Veränderungen im Fahrzeugbau verändert sich auch das Crashverhalten der Fahrzeuge; dadurch entstehen auch andere Schadenbilder, die eine neue schnelle Diagnostik bei der Schadenanalyse erforderlich machen. Bei dem Diagnose-Messystem „PointX“ der Firma CAR-O-LINER handelt es sich um ein einfaches, ergonomisches Karosserievermessungssystem, das vielseitig einsetzbar ist. Das Diagnose-Messystem „PointX“ wurde von Herrn Thomas Voigt im Rahmen eines Vortrags präsentiert.

Im Rahmen eines Forums konnten die Tagungsteilnehmer Herrn Richter Franz Tischler zum Verhalten und Auftreten des Sachverständigen bei Gericht befragen. Herr Franz Tischler ist Vorsitzender Richter des 10. Zivilsenats „Verkehrsunfallsachen“ am Oberlandesgericht München. Im Forum wurden u.a. Fragen zu unsachlichen Verhalten von Parteisachverständigem im Rahmen von Ortsterminen und Verhandlungen, zum Umgang mit Provokationen, zur technischen Bewertung von Aussagen der Parteien und Zeugen und zur Kontaktaufnahme mit dem Richter (z.B. bei Fragen zum Beweisbeschluss) durch Herrn Richter Tischler kurzweilig beantwortet. Außerdem gab er lebhafte Einblicke in Verfahren und Verhandlungen aus Sicht eines Richters.

Herr Dr. Neofitos Arathymos von der Abteilung Technik, Sicherheit und Umwelt des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe e.V. stellte das EuroDFT-System vor. Das EuroDFT-System ist ein Universalwerkzeug zur Diagnose und Programmierung von Fahrzeugen mit der Original-Software der Automobilhersteller. Neben der Vorstellung des EuroDFT-Systems referierte Herr Arathymos über die Thematik der Digitalisierung insbesondere im Bereich von Fahrzeugen und führte vor, welche Daten nach einem Unfall von einem Fahrzeug zu dessen Hersteller übertragen werden.

Über Kleinst-Pkw im Verkehrsrecht berichtete der Erste Polizeihauptkommissar Herr Ewald Ternig von der Hochschule der Polizei in Rheinland-Pfalz. Herr Ternig referierte über Zulassungspflicht und Fahrerlaubnispflicht mit Blick auf Kleinst-Pkw und zeigte hier Ausnahmen bei maschinell angetriebenen Krankenfahrstühlen und Leichtkraftfahrzeugen auf.

Unter dem Titel „Von Fahrerassistenzsystemen zum autonomen Fahren“ berichtete Herr Dipl.-Ing. (FH) Helge Kiebach von der KTI GmbH & Co.KG. Er erläuterte insbesondere die rechtliche Situation von automatisierten Fahrzeugen in Deutschland, die sechs verschiedenen Grade der Automatisierung sowie die Problematik während der Steuerungsübergabe vom Fahrzeug aus dem automatisierten Fahren an den Fahrer. Zum Schluss seines Vortrags zeigte Herr Kiebach die aktuellen Entwicklungen zum autonomen Fahren und künftige Tendenzen auf.

Herr Dipl.-Ing. Peter Herzog vom KFZ-Sachverständigenzentrum Dresden stellte in seinem Vortrag „Der Sachverständige auf dem Weg zum Full-Service-Dienstleister“ Webportale als Kundenbindungsinstrument vor. Hier gab Herr Herzog zunächst einen Einblick in die Schadensteuerung von Versicherungen und zeigte die Folgen für den Kunden, die Werkstatt und den Sachverständigen auf. Die vorgestellten Webportale wie z.B. unfallakte.de oder fleetakte.de stellen gemeinsame Kommunikationsplattform für alle Beteiligten zur Verfügung und können zur Kundenbindung an den Sachverständigen dienen.

Über einen spektakulären Unfall mit einem Müllfahrzeug, der Gott-sei-Dank glimpflich ausging, referierte Herr Dipl.-Ing. Herbert Hößler vom Ingenieurbüro Gerich. Das Müllfahrzeug rollte hierbei ohne Fahrer eine abfallende Stichstraße hinunter, querte eine Straße fuhr weiter über Grundstücksmauern und durch abfallende Gärten, kollidierte mit einem abgestellten Pkw und kam schließlich nach etwa 83 Metern an einer Hausecke zum Stehen. Herr Hößler zeigte in seinem Vortrag zum einen die spektakuläre und aufwendige Bergung des Lkw, zum anderen die fundierte technische Untersuchung des Müllfahrzeugs, da dessen Fahrer angegeben hatte vor seinem Aussteigen die Feststellbremse betätigt zu haben.

Herr Dipl.-Ing. (FH) Peter Stolle von der gutax Unfallanalyse GbR schilderte in seinem Vortrag die Rekonstruktion von Verkehrsunfällen durch die Analyse vernetzter Fahrzeug- und Verkehrssystemdaten. Herr Stolle ging hierbei auf die Daten aus Airbag-Steuergeräten, Fehlerspeichern, Unfalldatenspeichern, speziellen Crash-Rekordern, EG-Kontrollgeräten, Telematiksystemen, GPS (GNSS)-Tracking-Systemen, Videokameras, Copilotsystemen im öffentlichen Nahverkehr und Lichtsignalanlagen ein und zeigte, dass alle gewonnenen Daten hinsichtlich ihres Ursprungs und ihrer Einschränkungen kritisch geprüft werden müssen.

Die Abendveranstaltung der 77. Tagung fand im Restaurant des „Königlichen Hirschgartens“ statt. Hier sorgten neben den bayerischen Köstlichkeiten die „Herzensblecher“ aus Gebenbach für eine zünftige Stimmung, zwischen den Tagungsteilnehmern ergaben sich zahlreiche gute Gespräche nicht nur um das Thema Automobil.

Das Präsidium des MAS e.V. bedankt sich bei allen Teilnehmern, Referenten und Ausstellern für eine gelungene und informative Tagung und freut sich auf ein Wiedersehen auf der 78. Fachtagung, für die bereits wieder spannende Vorträge aus den Bereichen der Fahrzeugtechnik, der Reparaturtechnik, der Fahrzeugbewertung und der Unfallanalyse geplant sind. Die 78. Fachtagung findet von 08. bis 10. März 2019 an bekannter Stelle in München statt, das Programm der wird rechtzeitig auf der Homepage des MAS e.V. veröffentlicht.

Präsidium MAS e.V. München, den 18.10.2018

Fotos von der 77. Fachtagung

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